Dem eigenen Körper vertrauen?

Vertrauen ist in psychologisch-persönlichkeitstheoretischer Perspektive definiert als subjektive Überzeugung von der Richtigkeit, Wahrheit bzw. Redlichkeit von Personen, Handlungen, Einsichten und Aussagen eines anderen oder von sich selbst (Selbstvertrauen). Quelle Wikipedia

Das Vertrauen in fremde Menschen scheint heutzutage fast grenzenlos zu sein. Wir vertrauen unserem Metzger, unserem Buchhändler, unserem Hausarzt. Wir vertrauen Autoren von sogenannten Gesundheitsbüchern, den Medien und der Nachbarin, die wir hin und wieder im Treppenhaus treffen. Aber unserem Körper? Nein, der hat sich unser Vertrauen scheinbar nicht verdient.

Unser Körper, ein so komplexes System, das nie Pause macht. Der, der Tag und Nacht schuftet, uns vorwarnt, wenn ihm die Puste ausgeht. Der, der nie gefragt wird wenn wir Pläne schmieden, uns im Fitneßstudio anmelden oder schon wieder zu viel Kaffee konsumieren. Unser Körper, der scheinbar so häufig an erster Stelle steht, der gnadenlosen irgendwelchen Gesundheitstipps aus dem Internet ausgeliefert ist. Was eigentlich unser engster Vertrauter sein sollte, ist sowas wie der Staatsfeind Nummer 1.

Wann haben wir das Vertrauen in unseren Körper verloren?

Gefühlt sind wir täglich damit beschäftigt unser Leben in unsere Terminkalender zu pressen. Hier noch ein Meeting, dort ein Friseurtermin und ach ja, Lunch mit der besten Freundin, die man sonst gar nicht mehr sieht. Wir haben schließlich keine Zeit.

Wir haben auch keine Zeit mehr zum Arzt zu gehen, wenn wir vor lauter Husten kaum noch Luft bekommen. Der Ausschlag am Hals, der seit Monaten kommt und geht, dem wird irgendwann wohl von alleine die Luft ausgehen und überhaupt, man ist schließlich kein Hypochonder, der bei jeder Kleinigkeit im Wartezimmer sitzt.

Doch bei vielen von uns kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem der Körper streikt. Eine Krankheit jagt die nächste, das Unwohlsein, welches sich bisher so gut verdrängen ließ, lässt sich nicht mehr leugnen. Wir machen Fehler im Job, zanken uns mit der Familie, unseren Freunden oder grenzen uns aus, damit niemand merkt, dass es uns nicht gut geht, das wir die geforderte Leistung nicht mehr bringen können.

Und dann, dann geraten wir in eine Mühle, aus der es so schnell kaum ein Entkommen gibt. Erstmal wird die Ernährung umgestellt, sicher ist der Zucker schuld, oder die Kohlenhydrate. Ob zu viel oder zu wenig, wer weiß das schon. Die Nachbarin, also die aus dem Treppenhaus, hat gute Erfahrungen mit Chiasamen gemacht. Oder waren es Hanfsamen? Egal, probieren wir es aus.

Beim Einkauf hören wir zufällig, wie Frau Rechtsanwältin von ihrem neuen Hometrainer berichtet. Auf die Idee hätten wir auch schon eher kommen können. Was liegt näher als ein Hometrainer?! Aber, nicht zu vergessen, wer viel trainiert, braucht auch viel Eiweiß. Auch an trainigsfreien Tagen. Also quasi immer. Auch wenn der Hometrainer schon längst im Keller einstaubt.

Und dann haben natürlich Heilpraktiker, Chiropraktiker und der Psychologe auch noch das Recht ihre superduper Gesundheitstipps abzugeben.

Na gut, das mag eventuell ein bisschen überspitzt sein, aber der einzige, den wir bei alledem völlig vergessen ist unser Körper. Wir können meist nur ganz oder gar nicht, von einem Extrem ins nächste. Halbe Kraft? Na gut, aber nur wenn gerade Virenzeit ist und eh jeder das Bett hütet. Dann fällt das eigene „Versagen“ nicht ganz so drastisch auf.

Wann wurde uns vermittelt, dass wir unserem Körper nicht mehr trauen dürfen? Haben die Schlafstörungen, die Kopfschmerzen, der Schwindel eventuell eine Warnfunktion?

Es ist jetzt gut ein Jahr her, dass ich von einem Arzt zum nächsten geschickt wurde. Ich habe etliche Diagnosen erhalten, auch anhand von Blutwerten etc., viele gute Ratschläge bekommen und war psychisch am Ende. Ich habe alles ausprobiert, viel zu viele „Fachleute“ um Rat gefragt und wollte doch nur eins: Gesundheit.

Nichts half. Gar nichts. Diagnosen wie Morbus Bechterew, Psoriasis Arthritis, Lupus, etc. ließen das Vertrauen in meinen Körper verschwinden. Mein Körper war wütend und stellte sich gegen mich. Zusammenarbeit? Fehlanzeige. Je mehr ich wollte, in guter Absicht versteht sich, desto mehr weigerte sich mein Körper. Nächtelange Rückenschmerzen, Blasenkrämpfe und Weinkrämpfe hielten mich von meinem Leben fern. Leben ist schließlich etwas Gutes, soll ja Spaß machen. War doch so, oder?

Und dann kam irgendwann ein langsamer aber steter Umbruch. Ich habe gegessen worauf ich Appetit hatte. Mal einen Apfel, mal eine ganze Tafel Schokolade. Ich habe mehr Wasser und weniger Kaffee getrunken und vor allem habe ich „Nein“ gesagt. Nein zu meinem Handy, nein zu den Nachrichten und auch nein zu irgendwelchen familiären Pflichten. Ich habe immer wieder versucht in meinen Körper zu horchen, meinen „Gelüsten“ nachgegeben, frische Luft geatmet und meine sogenannte ToDo Liste an meinen Schlafrythmus angepasst.

Das Wichtigste aber was ich gelernt habe, meinem Körper die Ruhe zu gönnen, die er braucht. Nicht vergessen durfte ich dabei, dass die letzten Monate viel Kraft gekostet haben. Ich brauchte also die doppelte Dosis Ruhe, Vitamine und Sauerstoff. Und, was sicherlich ebenso wichtig war, ich brauchte einen Ausgleich. Etwas was mir Kraft schenkt, mich erdet und was mir Halt gibt.

Sicher ist jeder von uns anders beschaffen und ich möchte keine Ernährungsweise schlechtreden, keinem Superfood seine Kräfte absprechen und keinem Arzt seine Approbation madig machen. Aber das was wir alle brauchen ist ein vernünftiges Körperbewusstsein. Ein Körperbewusstsein das nicht von Hochglanzmagazinen vorgegeben wird und auch nicht von der besten Freundin, Mutter oder dem Kumpel  von nebenan. Wir sind einzigartig und darauf müssen wir stolz sein. Jeder leistet was er kann und soviel er kann. Jeder hat das Recht Erwartungen nicht zu erfüllen, sich nicht wohlzufühlen. Jeder hat das Recht auch mal mit nur einem Schnupfen im Bett zu bleiben. Wenn der Körper müde ist, keine Kraft mehr hat und die Reserven erschöpft sind, dann kann uns auch mal ein quersitzender Pups aus der Bahn werfen.

Und was ist ein Tag Regeneration im Gegensatz zu wochenlangen Ausfällen? Wir haben nur den einen Körper, das eine Leben. Umsorgen wir den, ohne den wir nicht können. Hören wir auf den, der uns besser kennt als jeder andere. Feiern wir den, der es am meisten verdient und immer zu kurz kommt: Unseren Körper.

 

12 Kommentare

  1. Liebe Nina,

    witzigerweise verzichten wir ausgerechnet diesen Monat auf Zucker 😀
    Aber eben weil ich auf meinen Körper höre, der gerade nun mal viel Energie benötigt, und vom Zucker müde wird. Der Mann muss mitmachen, denn seine Magenprobleme schleppt er schon viel zu lange mit sich herum. Aber er hat auch viel Stress und genau das ist – wie du es auch beschreibst – ein großes Problem.
    Auszeiten sind so wichtig. Auszeiten, die wir nicht mit einem super Wellness – Wohlfühl – Achtsamkeits – Programm füllen. Sondern das tun, was uns gut tut. Dazu gehört auch, Emotionen raus lassen. Wütend sein, wenn wir uns wütend fühlen, traurig sein, wenn wir traurig sind. Dabei sollten wir aber nicht vergessen auch für kleine Dinge dankbar zu sein. Zufriedenheit ist glaube ich auch eins der Zauberworte für mehr Wohlbefinden.

    Es drückt dich doll,
    Nanni

    • =D Auf Zucker verzichten ist nie verkehrt, so sollte es nicht rüberkommen. Aber ich denke, du hat das schon ganz richtig verstanden, zumindest sprichst du mir aus der Seele. Danke für die tolle Ergänzung!
      Fühl dich geherzt <3

  2. DEIN post beschreibt es auf das wesentliches.
    Es gibt Tage, da bin ich froh , wenn ich nicht raus muss, und einfach nur die Wand angucken brauch.Früher habe ich ein schlechtes Gewissen gehabt, aber mittlerweile geniese ich diese Tage
    lg carlinda

  3. Erst heute habe ich meiner Tochter gesagt, daß ich behaupte, große Antennen zu haben. Das ist ähnlich, oder?

    Im Haus, welches wir mal bewohnten zu meiner Kinderzeit, hing ein Stein mit eingemeiseltem Spruch: „Jeder freie Bürger hat die Pflicht zu arbeiten, aber auch das Recht nichts zu tun.“

    Nana

    • So ist es. Solche Steine sollten überall liegen und der Spruch bei jedem von uns fest in Kopf und Herz verankert. Danke 🙂

  4. Ach liebe Nina,

    du sprichst an, was mich oft bewegt. Ich frage mich, vor allem in letzter Zeit, oft: Wann ist das eigentlich passiert? Dieses „Alt-werden“ oder Älter-fühlen? Seit einiger Zeit zwickt es an diesem und jenen Ende mal mehr, mal weniger. Stress ist ein Faktor, der oft genug dafür sorgt, dass es einem nicht nur seelisch schlechter geht. Ich versuche, seit unsere Familie letztes Jahr die leuchtend rote Warnkelle vor Augen gehalten bekommen hat, langsamer zu leben. Bewusster zu leben. Ernährung umstellen. Auf mich hören, auf meine Bedürfnisse und meine Sorgen. Akzeptieren, wenn ich nicht kann und daran erfreuen, wenn ich mehr kann, als ich mir selbst zugestanden hätte.

    Wie recht du hast. Wir haben nur dieses eine Leben. Diesen einen Körper. Das vergisst man gerne mal.

    Liebe Grüße
    Sandra

    • Weißt du, so schwierig solche Warnkellen auch sind, sie bringen uns oft dazu, den Blick wieder auf das Wesentliche zu lenken. Gäbe es keine Sorgen, keinen Schreck, wir würden unser Leben vermutlich sinnlos verstreichen lassen. Dank der vielen Talfahrten, die durchaus (viel zu) schmerzhaft sind, lernen wie zu lieben was wirklich wichtig ist.
      Fühl dich gedrückt und geherzt, liebe Sandra. Ich wünsche dir und deiner Familie viel Kraft für das was ist und das, was dort kommen mag.

  5. So gut geschrieben, Nina…danke…..ich kenne solche Grenzsituationen auch, wo alles streikt und man nicht weiß, wie es weiter gehen soll….ich lerne immer noch, immer wieder, nicht auf mein „schlechtes Gewissen“ zu hören und mir zu erlauben, einfach auf den Sofa zu liegen und zu lesen. Oder einfach einen kleinen Spaziergang zu machen,obwohl ich noch Wäsche aufhängen müsste und dies und jenes tun….usw……Einen schönen Abend….Judith (@jumiemom)

    • Ja, das schlechte Gewissen. Aber wie werden wir unseren Lieben gerecht, wie sollen wir für sie sorgen, wenn es uns schlecht geht? Und wo steht geschrieben, dass wir uns aufopfern müssen? Mit jedem Schritt, den wir auf uns selbst zugehen, gehen wir auch auf diejenigen zu, die das Wertvollste für uns sind. (auch wenn das so verdammt schwierig ist 😉 )
      Dir auch einen schönen Abend, liebe Judith

  6. Liebe Nina,

    wie schon gesagt sprichst du mir mit deinen Gedanken und Worten hier aus dem Herzen. Ich lese den Beitrag hier und frage mich: Wieso sehen nicht mehr Menschen ein auf ihren Körper zu hören? Ist da unsere Gesellschaft Schuld? Es fängt ja doch oft schon damit an was wir vorgelebt bekommen, nur ganz wenige bekommen schon als Kinder vorgelebt Nein sagen kann richtig sein und ja zu seinem Körper. Mal genaues hin hören was will mir denn mein Körper sagen. Stattdessen ist es so wie du sagt wir quetschen uns noch einen Termin dazwischen, wir schaffen das schon irgendwie und da ist ja noch was was unbedingt erledigt werden muss. Und für krank sein ist gerade keine Zeit, weil… Es gibt immer irgendetwas damit wir nicht genau hin hören müssen. Umso erstaunter sind wir dann, wenn unser Körper sein Recht einfordert. Ich erlebe das oft in der Arbeit. Wie erstaunt die Menschen sind wenn ihr Körper die Notbremse zieht und ich denke dann oft so bei mir: Hättet ihr früher auf euren Körper gehört, nicht in die Arbeit gegangen, dann wäre es doch überhaupt nicht so weit gekommen.
    Aber auch da ist es so, dass die Krankschreiben nur nach gutem Zureden genommen wird, weil… Jeder von ihnen findet eine Begründung. Auch ich bin da keine Ausnahme.
    Mittlerweile ist es besser, ich habe hinhören genauer gelernt und bei Homöopathie ist ja seinen Körper kennen ganz wichtig. Das erdet. Damit lande ich immer wieder auf dem Boden der Tatsachen und versuche auf meinen Körper zu hören. Denn er ist das wichtigste Gut was wir haben :*
    Vielen Dank für deine Worte, du wunderbarer Mensch :*:*

    Alles Liebe
    Corinna

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