Lange Rede, kurzer Sinn – es wird irgendwie himmlisch

Als ich mir im Mai des letzten Jahres meine Einweisung ins Krankenhaus abgeholt habe, stand mein Leben schon einige Monate Kopf. Meine Gesundheit ließ sich nur noch sporadisch blicken, mein Alltag bestand hauptsächlich im Überleben von Angst- und Panikattacken. Angst, vor dem Alltäglichen. Angst, vor jeder verdammten Nacht. Jeder Tag eine Qual. Kommunikation mit meinen Mitmenschen? Nein. Jeder wollte wissen, wie es mir geht, ob ich Schmerzen habe. Alles war auf meine Schmerzen fixiert, jedes Gespräch, jede Handlung. Niemand hat mir mehr einfach mal irgendwas erzählt. Irgendwas.

Und doch, alles was ich wollte waren Banalitäten. Ich wollte wissen, wer seinen Einkaufszettel verloren hat, wer ein Knöllchen kassiert hat oder ob in China ein Sack Reis umgefallen ist. Doch statt Alltagsgeschichten bekam ich nur fragende Blicke. Die Mauer um mich herum wurde immer höher, der Graben dahinter immer tiefer. Ich war allein mit dieser schwarzen Wolke, die sich aus all den Diagnosen der Ärzte gebildet hatte. Bis zu dem Tag meiner OP.

Nachdem ich meine Krankenhaustasche gepackt hatte, schnappte ich mir noch ein paar Bücher (wie sollte es auch anders sein) und meine Bibel. Meine Bibel, bei deren Anblick ich so häufig ein blödes Bauchgefühl bekam. Immer begleitet von einem schlechten Gewissen. Seit Jahren.

Als ich noch ein kleines Kind war, las mir meine Oma bei jeder sich bietenden Gelegenheit aus der Bibel vor. Sie erzählte mir vom ewigen Paradies, von Adam und Eva und vom Niedergang, der Krieg von Harmagedon. Statt gemeinsam mit meinen Freundinnen die heilige Kommunion zu empfangen, setzte ich mich mit der Drangsal auseinander und besuchte, wenn auch recht unregelmäßig, den Königreichsaal.

Willkommen bei den Zeugen Jehovas.

Ich hatte von Kindertagen an ein, nennen wir es gespaltenes Verhältnis zu Gott, der Kirche und alles was damit einhergeht. Meine Mutter Protestantin, mein Vater Zeuge Jehovas und ich irgendwo mittendrin. Abgesehen von einigen Grundregeln, haben mir meine Eltern nie Vorschriften gemacht. Ich nahm in der Schule am evangelischen Religionsunterricht teil, hörte mir in meiner Freizeit ab und an Vorträge der Zeugen Jehovas an und schielte immer heimlich zu meinen katholischen Freunden. Dort gab es klare Regeln, es wurde gebetet, in die Kirche gegangen und das alles ganz offiziell. Geburtstage wurden mit den Großeltern gefeiert und Weihnachten war das Fest schlechthin. Ich durfte zwar Geburtstag feiern (Danke Mama) und einen Weihnachtsbaum gab es auch (nochmal Danke Mama), doch das war alles irgendwie nur geduldet.

Und heute? Heute fühle ich mich häufig in meine Kindheit zurückversetzt. Wer in die Kirche geht wird belächelt, wer betet oder gar regelmäßig in der Bibel liest, wird oftmals kritisch beäugt. Und das darf einfach nicht sein.

Es darf nicht sein, dass aufgrund der sogenannten Glaubenskriege das Christentum in Mitleidenschaft gezogen wird.

Es darf nicht sein, dass ich mich als Christin für meinen Glauben rechtfertigen muss und meinem Gegenüber erklären muss, dass Gott niemals von mir verlangen würde, meinen Nächsten in die Luft zu jagen.

Es darf nicht sein, dass sämtliche Glaubensrichtungen verteufelt werden und jeder der mit Herz und Seele seinen Glauben vertritt, per se ein Terrorist ist.

 

Wer mir auf Instagram folgt, wird bemerkt haben, dass es dort von mir sehr regelmäßig Fotos von meiner morgendlichen Bibellesestunde gibt. Und genau das, wird es hier von nun an auch geben. Ich werde euch, die ihr Lust habt, mitnehmen auf meine Reise durch die Bibel, mich gemeinsam mit euch auf Spurensuche begeben und vermutlich auch gemeinsam hadern. Denn nicht immer passen der eigene und der „himmlische“ Wunsch kompromisslos zusammen und nicht immer ist der Glaube so fest in mir verankert, dass ich blind vertraue. Doch daran kann man arbeiten.

Wer sich so überhaupt nicht für das Christentum interessiert, der mag hier also von nun an falsch sein. Ich möchte niemanden bekehren und ich werde mich auch nicht – in welche Richtung auch immer – bekehren lassen. Doch ich heiße jeden herzlich willkommen. Ich gebe euch gerne einen Einblick und zeige euch, dass das Christentum völlig ungefährlich ist.

Obwohl ich mit meinem Glauben jahrelang gehadert habe, ich so oft gezweifelt habe, hat Gott mich nie im Stich gelassen. Ein großer Teil meiner Familie hat mich nach meiner Taufe im Alter von 14 Jahren gemieden und mir diesen Schritt wohl nie verziehen. Aber ich habe im letzten Jahr den Weg zurückgefunden, unterwegs meinen inneren Frieden und meinen Optimismus wieder eingesammelt und auch mein Humor hat sich wieder bei mir eingenistet. Und dafür bin ich unendlich dankbar.

Do not waste time bothering whether you „love“ your neighbor; act as if you did. As soon as we do this we find one of the great secrets. When you are behaving as if you loved someone, you will presently come to love him.

        C.S. Lewis, Mere Christianity

 

 

 

7 Kommentare

  1. Hallo 🙂

    Ich finde deinen Artikel wirklich toll geschrieben und bin gespannt, wohin die Reise geht.

    Ich selbst bin nicht religiös, interessiere mich aber für Religionen und beschäftige mich öfter mit dem Thema Glauben an sich. Ich folge dir auch auf Instagram und deine Posts sind mir da schon aufgefallen, weil ich viele der Einblicke, die du in deinen Glauben gibst, sehr schön finde.

    Liebe Grüße,
    Julia

    • vielen lieben Dank. Mir ist immer wichtig offen zu sein und nicht mit erhobenem Zeigefinger daherzukommen 😉
      Hab ein schönes Wochenende 🙂
      Liebe Grüße,
      Nina

      • Ich finde es gut, wenn offen mit Religion umgegangen wird. Denn das brauchen wir in unserer Gesellschaft mehr denn je. Und mit dem Zeigefinger kommst du für mein Empfinden überhaupt nicht daher.

        Liebe Grüße,
        Julia

  2. Ich komme gerade von einer Kreativrunde in unserer Kirche. Frauen unterschiedlichen Alters trafen sich, planten diese neue Gruppe, künftige Projekte, sprachen und lachten. Beim Verabschieden sagte ich dann ganz spontan, dass es so schön wäre in so einer Runde auch einmal in der Bibel zu lesen und die Texte und den Alltag der Personen zusammen zubringen. Und weißt du was? Drei Frauen haben spontan ja dazu gesagt.
    Ich begleite dich auch weiterhin gern auf unserem Weg, in allen Phasen des Glaubens und des Lebens. Vielleicht auch mal bei einem Kaffee. So ein „paar Kilometer“ müssen sich doch überwinden lassen…😘 ❤️

    • Wie toll! Hach, das freut mich so sehr für dich <3 Du musst unbedingt berichten. Und um die paar Kilometer machen wir uns mal keine Gedanken, Glaube kann auch Berge versetzen. Wir trinken sicherlich noch mehrere Kaffee zusammen, davon bin ich irgendwie überzeugt. 🙂

  3. Liebe Nina…toll dein Text!!!! Ich bin gespannt darauf. Auch deine Instagram Posts sind jeden Morgen eine schöne Begrüßung, eine Anregung und sehr interessant😍Liebe Grüße von Judith ( @jumiemom)(deren kleine Schwester auch Nina heißt😎😝)

    • Lieben Dank Judith. Wie schön zu hören, dass die Instagramposts so gut ankommen, das freut mich sehr.:)
      Liebe Grüße, natürlich auch deine kleine Schwester =D

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