Gedankenlawine am Sonntag

Kabul, November 1980. Ein 11jähriger Junge ist auf dem Weg zum Marktplatz. In den Händen trägt er eine Box, gefüllt mit Zigaretten, die er auf dem Markt verkaufen muss um zu überleben. Kurz darauf hält vor ihm ein Transporter. Ein russischer Soldat steigt aus und reißt dem Jungen die Zigaretten aus der Hand. Der Junge bittet und bettelt, in der Hoffnung noch eine Handvoll Zigaretten retten zu können. Sein Überleben zu retten. Doch statt der Zigaretten bekommt der Junge das Gewehr an den Kopf gehalten und ohne mit der Wimper zu zucken, drückt der Soldat ab. Einfach so. Für ein paar Zigaretten.

Ist ein anderes Leben nichts mehr wert, wenn es um die eigenen Bedürfnisse geht?

September 2015. Ein dreijähriger Junge am türkischen Strand. Tot. Dem Krieg wollte er entkommen. An dieses Schicksal erinnern wir uns vermutlich alle.

Als ich gestern im Gottesdienst saß und unser Pfarrer die Predigt mit diesen beiden Geschichten einleitete, stockte uns allen der Atem. Die Traurigkeit, die Hilflosigkeit, diese Ohnmacht der Angst war sofort zu spüren und sie lässt mich wieder nicht zur Ruhe kommen.

Jeden Tag erreichen uns neue Schreckensmeldungen. Der Aufschrei ist mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Die Welle der Anteilnahme flaut aber meist schnell wieder ab. Man kann sich den Schicksalen fremder Menschen schließlich nicht den ganzen Tag widmen, oder?

Da macht sich eine Traurigkeit in einem breit, die kaum noch auszuhalten ist. Man überlegt sich Aktionen, ruft zu mehr Engagement auf, kommentiert irgendwelche Beiträge im Netz, verbreitet, was einen wütend macht und doch so offensichtlich nicht in Ordnung ist. Sei es der Artikel, der von dem Überfall auf die Nachbarn von xy berichtet, oder der, in der die Arbeit einer Frau nicht angemessen gewürdigt wird oder sonst eine Ungerechtigkeit.

Den ganzen Tag, die ganze Woche, Monat für Monat teilen wir Schreckensnachrichten und geben den Negativmeldungen so viel Raum. Raum, der ihnen nur bedingt zusteht. Den ändern tun wir so nichts.

Über Menschen zu schimpfen, die offensichtlich alles verkehrt machen, hilft uns nicht und den toten Jungen nicht. Gibt den Flüchtlingen keine neue Heimat und macht den Obdachlosen auf der Friedhofsbank nicht satt.

Wir verurteilen, in dem wir Alles und Jeden über einen Kamm scheren. Wir sind so hilflos, das wir keine Kraft mehr haben, alles mit der nötigen Distanz zu betrachten. Es tut weh, es treibt uns die Tränen in die Augen und schnürt uns die Luft ab.

Aber müssen wir die Dinge einfach so hinnehmen? Können wir das Elend nicht bekämpfen, ohne so genau hinzusehen?

Nein, natürlich habe ich keine Lösung. Aber ich habe ein Verständnisproblem.

Seit Jahrzehnten beschäftigen sich Forscher, Ärzte, Mediziner mit Krebs. Es wird geforscht, Geld gesammelt, Stiftungen gegründet. Fremde Menschen erkranken, Bekannte erkranken, wir erkranken. Wir lesen Bücher, Zeitungsartikel, stellen unsere Ernährung um. Wir rennen zum Arzt, lassen keine Vorsorgeuntersuchung aus, werden eventuell panisch, wenn unser Körper nicht funktioniert wie er soll.

Wir beschäftigen uns hinreichend mit Dingen, die uns selber betreffen. Dinge, die uns bedrohen. Ob unsere Gesundheit, unsere Sicherheit, unser Wohlbefinden. Doch wenn es uns nicht direkt betrifft, urteilen wir häufig vorschnell. Ohne das nötige Grundwissen, ohne uns vorher eingehend mit der Materie zu beschäftigen. Wir holen die Keule raus. Da wird ganz offensichtlich jemandem Unrecht getan? An den Pranger stellen und drauf. Was auch sonst.

Aber ist das nicht genau das, was überall dort geschieht, wo die Kriege toben? Wo sich Menschen gegenseitig umbringen? Wobei man gar nicht so drastisch werden muss.

Du stehst im Supermarkt an der Kasse, hast einen anstrengenden Tag hinter dir und dann kommt da eine Oma, die sich einfach vordrängelt. Das erste was dir vermutlich in den Kopf schießt: „Oarrr, die hat doch den ganzen Tag Zeit. Kann die sich nicht hinten anstellen. ICH hab es eilig. MEINE Kinder, MEIN Mann, MEIN Hamster wartet. ICH hatte einen anstrengenden Tag.“

Fragt sich irgendjemand mal, wie es der älteren Frau geht, die sich da eventuell auch ganz ausversehen vorgedrängelt hat? Fragt sich überhaupt noch jemand, wie es dem anderen geht? Ist überhaupt noch jemand gewillt, mal zurückzustecken, damit es einem Fremden besser geht?

Nein, die meisten von uns sind es nicht. Wir jammern ständig herum, nichts kann man uns recht machen und es sind eh immer die anderen die Schuldigen.

 

Ich kann den Menschen erst dann erklären was Unrecht ist, wenn ich mit mit ihnen und ihren Nöten/Ängsten und Sorgen beschäftigt habe. Ich kann aber nicht nur erklären, schlau daherreden und den Finger heben. Ich muss es vorleben. Ich muss nach links und rechts schauen. Ich muss geduldiger werden, wenn ich es eilig habe. Die alte Dame kann nichts dafür, wenn ich in Zeitnot bin, und ich werde ihr verhalten nicht ändern, indem ich sie verbal angreife. Ich kann nur mich ändern. Für alle anderen kann ich nur beten und mit gutem Beispiel vorangehen. Ich kann aufklären, aber nicht mit der Keule. Ich kann helfen, aber nicht, indem ich die Bösen an den Pranger stelle.

Wir müssen wieder anfangen uns mit unseren Mitmenschen auseinanderzusetzen. Wenn wir das Böse, das Elend, die Not wirklich beenden wollen, dann machen wir es wie die Mediziner. Beschäftigen wir uns mit dem, was uns bedroht. Untersuchen wir, was uns da so schwer im Magen liegt und lernen wir das zu verstehen, was uns so fremd erscheint.

Denn wenn wir weiterhin so miteinander umgehen, wie wir es heute tun, werden die oben erwähnten Schreckensmeldungen nicht wieder weniger. Sie werden trauriger Alltag – bleiben.

 

 

7 Kommentare

  1. Liebe Nina,
    erstmal schön, hier wieder etwas von dir zu lesen! Ich freu mich!
    Gerade gestern sprach ich mit meinem Mann darüber, dass in den Medien so viel traurige und negative Nachrichten gesendet werden. Kaum hört man von all den Menschen in Deutschland, die sich ehrenamtlich engagieren, die Nächstenliebe praktizieren, in ihrem Bereich des Möglichen versuchen, die Welt ein bisschen besser zu machen. Denn es gibt sie, und viel mehr, als die Medien uns zeigen!
    Auch ich ertappe mich manchmal bei Ungeduld, Vorurteil oder Angst vor dem Fremden. Aber durch ständiges Ermahnen an mich selbst und der Frage „Wer möchte ich denn eigentlich sein“ ist es schon deutlich besser geworden. Es ist wohl ein ständiger Prozess. Und ich mache mich durch Freundlichkeit und Offenheit ja auch angreifbar. Gerade letzte Woche wurde ich von einem älteren Herrn beschimpft, weil ich Angst vor seinem Hund hatte und ihm dies freundlich sagte. Wir kamen uns auf einem engen Weg entgegen und ich blieb mit Enno stehen, da er seinen Hund kaum unter Kontrolle hatte. Diese Begegnung wirkte lange in mir nach. Ich hatte ihn gefragt, warum er so unfreundlich ist, ich hatte ja nichts getan außer Angst zu zeigen. Er ging einfach laut schimpfend weg und ließ michvstehen. Es wäre ein Leichtes, solche Alltagsbegnungen zu nutzen und selbst verschlossen oder abweisend zu werden, als Schutz vor der immer unfreundlicher werdenden Welt. Aber diese Woche hatte ich dann einen Anruf mit der Einladung zu einem Ehrenamt. Und da saß ich dann und lächelte nach oben. „Ich versteh schon, was du mir sagen willst.“

    Ich kann durch mein Handeln all das Unrecht auf der Welt nicht verhindern. Aber ich kann immer wieder an mir arbeiten, damit ich selbst geduldig und freundlich bin. Wenn wir das alle in unseren Möglichkeiten versuchen, dann ist schon viel bewegt.

    • Danke! Danke! Danke! Ich habe auch oft Angst und lerne, sie dann auch zu zeigen. Ja, es fällt mir schwer, eben weil auch ich dann angreifbar bin. So wie du schon geschrieben hast. Ich habe die letzten Stunden, quasi seit der gestrigen Predigt, darüber nachgedacht, ob ich mir überhaupt Luft mache. Denn wie schnell kann man so etwas mißverstehen?! Aber solche Reaktionen wie deine, Erzählungen über das, was uns passiert, wie wir reagieren und empfinden. Nur so kann ein ehrlicher und offener Austausch stattfinden. Nun wenn wir alle unsere Fehler zugeben (es muss ja nicht gleich so öffentlich sein), können wir voneinander lernen, uns gegenseitig achten und einen ehrlichen und herzlichen Umgang pflegen. Wer sich helfen lassen möchte, dem wird geholfen. Und schaffen können wir alles. Glaube versetzt nicht nur Berge <3

  2. Hallo Nina,
    toller Blog! Sprichst mir damit aus der Seele.
    Könntest Du aber bitte Dein Captcha ändern. Es ist nämlich nicht barrierefrei. Blinde und Sehbehinderte können dadurch nicht teilhaben und kommentieren. Es gibt auch Captchas mit Zahlen oder Buchstaben, die den Blinden und Sehbehinderten von ihren Screenreadern vorgelesen werden können. Nur Bilder funktionieren in diesem Fall halt nicht.
    Danke, einen lieben Gruß und mit Hoffnung noch mehr so Schönes von Dir lesen zu können – Matthias

    • Hallo Matthias, lieben Dank für die Rückmeldung. Um die Abfrage kümmere ich, soll ja so nicht sein. Ich war mir dessen tatsächlich nicht bewusst.
      Liebe Grüße und einen schönen Abend 🙂

  3. Hei du,

    sehr sehr schöner nachdenklich stimmender Beitrag! Und du hast Recht, wir reden und reden und reden und selten tun wir wirklich selbst etwas dafür. Ich versuche auch seit einiger Zeit offener durch das Leben zu gehen und Menschen zu nehmen wie sie sind und nicht alles zu hinterfragen, es wird in den meisten Fällen schon ein plausibler Grund dahinter stecken, den ich nur eben in dem Moment nicht sehen kann. So können wir versuchen in unserem nahen Lebensumfeld die Welt ein bisschen besser zu machen und so vielleicht auch im Allgemeinen.

    Liebste Grüße,
    Vivka

    • Schön, dass du es so siehst und vielleicht auch ein bisschen was für dich mitnehmen kannst. Ich denke auch, wenn jeder ein bisschen mehr Rücksicht nimmt, geduldiger wird und Nachsicht übt, haben wir schon viel erreicht 🙂
      Lieben Dank für deinen Besuch

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