Für die Seele #Fundstück

Gather me to be with you

O God, gather me now

to be with you

as you are with me.

Soothe my tiredness;

quiet my fretfullness;

curb my aimlessness;

relieve my compulsiveness;

let me be easy for a moment.

O Lord, release me

from the fears and guilts

which grip me so tightly;

from the expectations and opinions

which I so tightly grip,

that I may be open

to receiving what you give,

to risking something genuinely new,

to learning something refreshingly different.

O God, gather me

to be with you

as you are with me.

Amen.

(Ted Loder, Guerillas of Grace)

Jeder braucht (s)eine Liebesgeschichte

Wir alle brauchen unsere ganz eigene Liebesgeschichte. Eine Liebesgeschichte die uns Sicherheit gibt. Eine, die uns sagt, dass wir gut und liebenswert sind. Eine, die uns den Weg zeigt, der für uns bestimmt ist.

Wir können uns sicher sein, dass es immer wieder Tage gibt, an denen unser Herz gebrochen wird. Tage, an denen wir Scherben aufsammeln. Unsere eigenen Scherben. Seien es die Reste unsere Träume, die Reste unserer großen Liebe oder die Reste unseres Lebens. Scherben, mit denen sich unser vermeintliches Ich identifiziert hat. Unsere Sicherheit. Unser Halt.

An solchen Tagen brauchen wir ein Gerüst, einen Vertrauten. Wie schön ist es, wenn wir jemanden haben, zu dem wir hingehen können. Jemanden der uns liebt, wie gebrochen wir auch sein mögen.

Und auch wenn es sich an solchen Tagen, in diesen Momenten so anfühlt, als wären wir allein und als könnte niemand nachempfinden wie es uns geht, so brechen ständig irgendwo auf dieser Welt Herzen.

Aber sind es nicht genau diese Momente, die uns wachsen lassen? Die uns Stärke verleihen, nachdem die Tränen versiegt sind. Momente, die uns in den nächsten Lebensabschnitt tragen. Ein Abschnitt der gerade noch unerreichbar schien, ist plötzlich zum Greifen nah. Doch das was wir brauchen um ihn zu erreichen ist Liebe. Dieses Gefühl, gut genug zu sein. Jemand der uns ein Lächeln schenkt. Jemand der sagt: Du kannst das. Auch wenn du nicht weißt, was auf dich wartet, auch wenn du keine Idee hast, warum das alles passiert. Du kannst das. Du bist gut, du bist liebenswert und du bist genau richtig wie du bist.

Mit so jemandem an unserer Seite schaffen wir alles.

Meine Liebesgeschichte sagt mir jeden Tag, das ich es wert bin, geliebt zu werden. Meine Liebesgeschichte zeigt mir meinen Weg, hilft mir beim Prioritäten setzen, hilft mir, mich zu fokussieren.

Ich bin wie ich bin. Ich mache Fehler, verletze Mitmenschen, ernähre mich falsch, gebe zu viel Geld aus. Meine Wäscheberge sind häufig zu hoch, ich fluche wie ein Bauarbeiter und habe manchmal einfach keine Lust. Disziplin, Routine, Pflichten? Manchmal einfach nicht aufzufinden.

Genau aus diesen Gründen, bin ich kein Stück besser, als meine Mitmenschen. Ich habe nicht das Recht, andere für mein Leben verantwortlich zu machen, denn ich kenne den Plan für mein Leben nicht. Es steht mir nicht zu, andere für ihr Fehlverhalten zu verurteilen. Es ist aber meine Pflicht, mit gutem Beispiel voranzugehen.

Ich bin Gast auf dieser Erde. Mein Aufenthalt ist ein Geschenk. Für Geschenke ist man dankbar, man tritt sie nicht mit Füssen, man schenkt ihnen Aufmerksamkeit und Liebe. Denn dieses Geschenk ist Gnade. Ich lebe, weil jemand so gnädig war, mir dieses Leben zu schenken.

Danke Gott.

 

Freiheit

Was ist das eigentlich? Ist Freiheit etwas, das jeder für sich selbst definiert? Fängt Freiheit dort an, wo man bereit ist sich einzugliedern, ohne sich bevormundet zu fühlen? Oder ist Freiheit eine Gesellschaftsform, die einem steten Wandel unterworfen ist? Und wie können wir unsere Freiheit ausleben, ohne anderen zu schaden?

Freiheit ist für viele von uns selbstverständlich. Es gibt da zwar ein paar Gesetze an die wir uns halten müssen, aber im Großen und Ganzen sind wir bisher ein doch recht freies Volk. Dennoch bekommen viele von uns es immer häufiger mit der Angst zu tun, oder es wird uns mulmig wenn wir die Nachrichten schauen.

Flüchtlinge, die auf der Suche nach Frieden und Freiheit sind, ertrinken qualvoll im Mittelmeer. Menschen werden an Flughäfen festgehalten, weil sie aufgrund ihrer Nationalität nicht einreisen dürfen. Menschen, die im Internet ihre Meinung kundtun, werden gefoltert, andere gehen für ihre Freiheit auf die Strasse und werden hart dafür bestraft.

Wir fangen an zu selektieren. Welche sozialen Netzwerke kann ich noch nutzen, ohne das es mir gleich Angst und Bange wird? Wem kann ich noch folgen, ohne den Schreckensmeldungen nicht ständig ausgeliefert zu sein? Auch das ist Freiheit. Freiheit die wir uns zu nutzen machen. Freiheit die unserem Selbstschutz dient. Wir haben die Freiheit dem auszuweichen, was unerträglich scheint.

Die einen nutzen diese Freiheit als Flucht, andere um bewusst eine Pause einzulegen. Viele auch um zu reflektieren, nach Lösungen zu suchen und Wege zu finden, wie man dem Schrecken die Stirn bieten kann.

Doch Freiheit funktioniert nur, wenn wir auch bereit sind einen immer größer werdenden Teil Verantwortung zu übernehmen. Denn, wie uns spätestens jetzt bewusst wird, bedeutet die durch das Internet gewonnene Freiheit und somit den Zugang  zu allerlei Nachrichten auch, dass wir nicht mehr behaupten können, von alldem nichts mitbekommen zu haben. Zu behaupten wir hätten nicht gewusst, was Parteien, Präsidenten, Völkergruppen, etc. um uns herum anrichten, käme einer großen Lüge gleich. Eine Lüge, deren Konsequenzen wir nicht verantworten können.

Freiheit bedeutet auch, sich immer bewusst zu machen, welchen Luxus dieses kleine Wort mitsichbringt. Frei zu entscheiden, auf welche Stelle man sich bewerben möchte, wo man seinen Urlaub verbringen möchte oder auch die endlosen Möglichkeiten zu nutzen, die uns an jedem neuen Tag geboten werden.

Nicht jeder von uns kann gleich viel bewegen oder Verantwortung übernehmen. Wir alle haben unsere täglichen Aufgaben zu bewältigen, sind gesundheitlich oder finanziell eingeschränkt, oder stecken in irgendeiner Krise, die unsere ganze Aufmerksamkeit fordert. Aber sobald wir die Energie aufbringen können, uns über andere lustig zu machen, unserer Wut permanent eine Bühne zu bieten, können wir auch etwas tun. Wir können andere dort unterstützen, wo die Politik versagt. Wir können dort helfen, wo es gemeinützigen Einrichtungen an Helfern mangelt. Wir können eingreifen, wenn uns die Not, das Elend auf der Straße begegnet. Wir können mit offenen Augen durch den Alltag gehen und das weitergeben, was wir alle zum Leben und Überleben brauchen: Nächstenliebe, Fürsorge und Aufmerksamkeit.

Wir können – wenn wir wollen.

 

 

Dem eigenen Körper vertrauen?

Vertrauen ist in psychologisch-persönlichkeitstheoretischer Perspektive definiert als subjektive Überzeugung von der Richtigkeit, Wahrheit bzw. Redlichkeit von Personen, Handlungen, Einsichten und Aussagen eines anderen oder von sich selbst (Selbstvertrauen). Quelle Wikipedia

Das Vertrauen in fremde Menschen scheint heutzutage fast grenzenlos zu sein. Wir vertrauen unserem Metzger, unserem Buchhändler, unserem Hausarzt. Wir vertrauen Autoren von sogenannten Gesundheitsbüchern, den Medien und der Nachbarin, die wir hin und wieder im Treppenhaus treffen. Aber unserem Körper? Nein, der hat sich unser Vertrauen scheinbar nicht verdient.

Unser Körper, ein so komplexes System, das nie Pause macht. Der, der Tag und Nacht schuftet, uns vorwarnt, wenn ihm die Puste ausgeht. Der, der nie gefragt wird wenn wir Pläne schmieden, uns im Fitneßstudio anmelden oder schon wieder zu viel Kaffee konsumieren. Unser Körper, der scheinbar so häufig an erster Stelle steht, der gnadenlosen irgendwelchen Gesundheitstipps aus dem Internet ausgeliefert ist. Was eigentlich unser engster Vertrauter sein sollte, ist sowas wie der Staatsfeind Nummer 1.

Wann haben wir das Vertrauen in unseren Körper verloren?

Gefühlt sind wir täglich damit beschäftigt unser Leben in unsere Terminkalender zu pressen. Hier noch ein Meeting, dort ein Friseurtermin und ach ja, Lunch mit der besten Freundin, die man sonst gar nicht mehr sieht. Wir haben schließlich keine Zeit.

Wir haben auch keine Zeit mehr zum Arzt zu gehen, wenn wir vor lauter Husten kaum noch Luft bekommen. Der Ausschlag am Hals, der seit Monaten kommt und geht, dem wird irgendwann wohl von alleine die Luft ausgehen und überhaupt, man ist schließlich kein Hypochonder, der bei jeder Kleinigkeit im Wartezimmer sitzt.

Doch bei vielen von uns kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem der Körper streikt. Eine Krankheit jagt die nächste, das Unwohlsein, welches sich bisher so gut verdrängen ließ, lässt sich nicht mehr leugnen. Wir machen Fehler im Job, zanken uns mit der Familie, unseren Freunden oder grenzen uns aus, damit niemand merkt, dass es uns nicht gut geht, das wir die geforderte Leistung nicht mehr bringen können.

Und dann, dann geraten wir in eine Mühle, aus der es so schnell kaum ein Entkommen gibt. Erstmal wird die Ernährung umgestellt, sicher ist der Zucker schuld, oder die Kohlenhydrate. Ob zu viel oder zu wenig, wer weiß das schon. Die Nachbarin, also die aus dem Treppenhaus, hat gute Erfahrungen mit Chiasamen gemacht. Oder waren es Hanfsamen? Egal, probieren wir es aus.

Beim Einkauf hören wir zufällig, wie Frau Rechtsanwältin von ihrem neuen Hometrainer berichtet. Auf die Idee hätten wir auch schon eher kommen können. Was liegt näher als ein Hometrainer?! Aber, nicht zu vergessen, wer viel trainiert, braucht auch viel Eiweiß. Auch an trainigsfreien Tagen. Also quasi immer. Auch wenn der Hometrainer schon längst im Keller einstaubt.

Und dann haben natürlich Heilpraktiker, Chiropraktiker und der Psychologe auch noch das Recht ihre superduper Gesundheitstipps abzugeben.

Na gut, das mag eventuell ein bisschen überspitzt sein, aber der einzige, den wir bei alledem völlig vergessen ist unser Körper. Wir können meist nur ganz oder gar nicht, von einem Extrem ins nächste. Halbe Kraft? Na gut, aber nur wenn gerade Virenzeit ist und eh jeder das Bett hütet. Dann fällt das eigene „Versagen“ nicht ganz so drastisch auf.

Wann wurde uns vermittelt, dass wir unserem Körper nicht mehr trauen dürfen? Haben die Schlafstörungen, die Kopfschmerzen, der Schwindel eventuell eine Warnfunktion?

Es ist jetzt gut ein Jahr her, dass ich von einem Arzt zum nächsten geschickt wurde. Ich habe etliche Diagnosen erhalten, auch anhand von Blutwerten etc., viele gute Ratschläge bekommen und war psychisch am Ende. Ich habe alles ausprobiert, viel zu viele „Fachleute“ um Rat gefragt und wollte doch nur eins: Gesundheit.

Nichts half. Gar nichts. Diagnosen wie Morbus Bechterew, Psoriasis Arthritis, Lupus, etc. ließen das Vertrauen in meinen Körper verschwinden. Mein Körper war wütend und stellte sich gegen mich. Zusammenarbeit? Fehlanzeige. Je mehr ich wollte, in guter Absicht versteht sich, desto mehr weigerte sich mein Körper. Nächtelange Rückenschmerzen, Blasenkrämpfe und Weinkrämpfe hielten mich von meinem Leben fern. Leben ist schließlich etwas Gutes, soll ja Spaß machen. War doch so, oder?

Und dann kam irgendwann ein langsamer aber steter Umbruch. Ich habe gegessen worauf ich Appetit hatte. Mal einen Apfel, mal eine ganze Tafel Schokolade. Ich habe mehr Wasser und weniger Kaffee getrunken und vor allem habe ich „Nein“ gesagt. Nein zu meinem Handy, nein zu den Nachrichten und auch nein zu irgendwelchen familiären Pflichten. Ich habe immer wieder versucht in meinen Körper zu horchen, meinen „Gelüsten“ nachgegeben, frische Luft geatmet und meine sogenannte ToDo Liste an meinen Schlafrythmus angepasst.

Das Wichtigste aber was ich gelernt habe, meinem Körper die Ruhe zu gönnen, die er braucht. Nicht vergessen durfte ich dabei, dass die letzten Monate viel Kraft gekostet haben. Ich brauchte also die doppelte Dosis Ruhe, Vitamine und Sauerstoff. Und, was sicherlich ebenso wichtig war, ich brauchte einen Ausgleich. Etwas was mir Kraft schenkt, mich erdet und was mir Halt gibt.

Sicher ist jeder von uns anders beschaffen und ich möchte keine Ernährungsweise schlechtreden, keinem Superfood seine Kräfte absprechen und keinem Arzt seine Approbation madig machen. Aber das was wir alle brauchen ist ein vernünftiges Körperbewusstsein. Ein Körperbewusstsein das nicht von Hochglanzmagazinen vorgegeben wird und auch nicht von der besten Freundin, Mutter oder dem Kumpel  von nebenan. Wir sind einzigartig und darauf müssen wir stolz sein. Jeder leistet was er kann und soviel er kann. Jeder hat das Recht Erwartungen nicht zu erfüllen, sich nicht wohlzufühlen. Jeder hat das Recht auch mal mit nur einem Schnupfen im Bett zu bleiben. Wenn der Körper müde ist, keine Kraft mehr hat und die Reserven erschöpft sind, dann kann uns auch mal ein quersitzender Pups aus der Bahn werfen.

Und was ist ein Tag Regeneration im Gegensatz zu wochenlangen Ausfällen? Wir haben nur den einen Körper, das eine Leben. Umsorgen wir den, ohne den wir nicht können. Hören wir auf den, der uns besser kennt als jeder andere. Feiern wir den, der es am meisten verdient und immer zu kurz kommt: Unseren Körper.

 

Im Glauben wachsen

Zufrieden sein: „sich mit dem Gegebenen, den gegebenen Umständen, Verhältnissen in Einklang befindend und daher innerlich ausgeglichen und keine Veränderung der Umstände wünschend“ so definiert es der Duden. Klingt das gut, oder klingt das gut?

Sich zurücklehnen, tief durchatmen und die Augen schliessen. Für einen kurzen Augenblick in sich Ruhen. Alles einfach so akzeptieren, in der Gewissheit, dass es sich zum Guten wendet.

Habt ihr einen Ruhepol, der euch dieses Kräftesammeln ermöglicht? Geht es euch gut mit all den Anforderungen, denen wir (gefühlt) täglich ausgesetzt sind?

So aus dem Bauch heraus geht es mir inzwischen durchaus gut. Hier und da gibt es sicherlich einige Dinge, die ich ändern würde, aber ich nehme sie auch gerne so hin. Wobei ich jetzt nur von meiner persönlichen Situation spreche, nicht von dem was sich in der Weltgeschichte abspielt. Aber das habe ich beispielsweise hier schon kurz thematisiert. Und wie sagt man immer so schön: Erstmal vor der eigenen Tür kehren, oder so ähnlich.

Vor ein paar Monaten war ich von innerer Zufriedenheit weit entfernt. Uns trennten Welten. Mindestens. Ich hatte an mir ständig etwas auszusetzen (zu krank, zu ungeduldig, zu ängstlich, zu…), an meiner Familie, der Wohnsituation, einfach an allem. Huch? Was hat sich geändert?

Inzwischen wachse ich täglich an und in meinem Glauben. Ich lassen mich jeden Tag aufs Neue leiten und übergebe Gott meine Sorgen, Nöte und Zweifel. Während er sich jetzt um alles kümmert, kämpfe ich um das nötige Vertrauen, erobere meine Zuversicht zurück, übe mich in Dankbarkeit und lerne stetig hinzu. Ich stehe also in meiner eigenen Rangfolge recht weit hinten, kann mich aber von den vorderen Plätzen, meinem Ego, noch nicht zu 100% trennen. Aber ich arbeite daran. Den Rest meines Lebens vermutlich. 😉

Es gibt Dinge, die laufen im Leben einfach so mit. Es ist nichts Halbes und nichts Ganzes und somit auch kein Aufwand. So wie es bei eingen mit dem Glauben ist. Viele von uns glauben so ein bisschen. Ein bisschen mehr, wenn man sich in einer scheinbar ausweglosen Situation befindet, ein bisschen weniger, wenn dann wieder alles rund läuft.

Ich wollte mehr als nur ein bisschen Glauben und will dieses Mehr nun auch nicht mehr missen.

Damit ich dieses Mehr, diese Sicherheit getragen zu werden, überhaupt erfahre, muss ich deutlich dankbarer und fokussierter in den Tag starten als bisher.

Ich stehe recht früh auf, lange vor dem Rest der Familie, wanke zur Kaffeemaschine, nehme den Umweg übers Bad um dann letztendlich mit meiner Bibel und meinem Schreibblock auf dem Sofa zu landen. Der erste, dem ich einen guten Morgen wünsche, ist Gott. Also der, der mich die Nacht über behütet hat und mir einen neuen Tag schenkt. Der, der mich mit dem versorgt, was ich tatsächlich brauche. Wenn ich ihm für all das was mich (er)freut gedankt habe und ihm von meinen Sorgen erzählt habe, lese ich in der Bibel.

Du liest die Bibel? So richtig? Von Anfang bis Ende?

Das werde ich immer wieder gefragt. Und wenn ich das so vorweg nehmen darf, es ist das schönste und bereicherndste Buch, was es gibt. Wenn ich einen Roman lese, lese ich Satz für Satz, Seite für Seite. Gewöhnlich von Seite 1 aufsteigend bis Ende. Meine Bibel lese ich zwar auch Buch für Buch, aber eben nicht von Seite 1 angefangen. Nicht von Genesis bis zur Offenbarung. Ich lese die Bücher auch nicht immer vom ersten Vers bis zum letzten, sondern so wie es mein Gemütszustand erfordert. Wenn ich meinen Glauben hinterfrage, mit Ungerechtigkeiten zu kämpfen habe, findet ihr mich bei den Römern. Fühle ich mich persönlich angegriffen, ungerecht behandelt oder bin mal wieder zu ungeduldig, dann ist Hiob meine erste Wahl. Mache ich mir um etwas oder jemanden große Sorgen und habe das Gefühl, dass meine Gebete nich gehört werden, findet ihr mich bei den Ephesern.

Es gibt also für jeden Gemütszustand das richtige Buch. Hier lese ich mal einen Vers, mal mehrere. Solange bis mir etwas auffält, mir ein Satz, ein Wort ins Auge springt. Diesen schreibe ich heraus uns notiere alles, was mir dazu einfällt. Ich schlage verschiedene Wörter nach, schaue im Lexikon oder lese parallel dazu einen Kommentar. Anschließend schreibe ich die für mich wichtigsten Tagesaufgaben hinzu und bete erneut. Ich bitte Gott, mir zu helfen den Fokus nicht zu verlieren und frage ihn, ob das so in Ordnung ist. Ich bitte IHN um die richtige Perspektive und schweige. Was jetzt nach einem verplanten Vormittag klingt, dauert gut und gerne eine Stunde. Dann starte ich mit einem guten Gefühl in den Tag, erledige, was zu erledigen ist und versuche meine Standleitung nach oben aufrechtzuhalten. Das funktioniert leider nicht immer so gut wie es sollte. Denn kaum gerate ich in Zeitdruck, oder was auch immer, ist die Leitung unterbrochen. Spätestens wenn es dann mal eng wird, schicke ich einen kritischen Blick „nach oben“ und fühle mich ertappt.

Dieses  sich Ertappt fühlen ist für mich ein sicheres Signal, dass ich im Laufe des Tages falsch abgebogen bin. Ich ärgere mich über die viele Wäsche, das permanente Chaos, den Dreck und verliere die Geduld. Dabei sollte ich mich gesegnet fühlen. Wäsche, Dreck und Chaos zeigen mir, dass ich nicht alleine bin. Ich habe Familie. Ich erfahre Liebe und kann Liebe zurückgeben. Ich darf mich um jemanden kümmern. Gott hat mir diese Aufgabe übertragen. Gott liebt mich und ich darf diese Liebe weitergeben.

Ja, genau das ist so wichtig. Gott liebt mich. So wie ich bin. Chaotisch, ungeduldig und auch mal laut. Verängstigt, hektisch und mürrisch. Er liebt mich wie ich bin und ist immer da. Er zeigt mir den Weg, er leitet mich, er weiß, was er mit mir vorhat. Die einzige Voraussetzung? Meine Standleitung zu ihm, seinem Sohn und dem heiligen Geist. Meine Bereitschaft alles mit Ihm zu besprechen und in seinem Sinn zu handeln. Und das ist die größte Herausforderung. Aber auch genau die, die mich so viele Dinge ganz anders betrachten lässt.

Ohne Gott wäre ich nicht hier. Es gäbe diese Welt schlicht nicht. Ich darf hier eine gewisse Zeit verbringen, doch ich habe mich an Regeln zu halten. Ich bin Gast, nicht Hausherr. Ich werde geliebt und möchte diese Liebe nicht enttäuschen und doch tue ich das. Jedesmal wenn ich mich an erster Stelle positioniere, wenn ich andere beurteile, wenn ich mich ärgere, weil… Diese Liste ließe sich unendlich fortführen. Doch spätestens dann, wenn ich eben nicht mehr mit den Gegebenheiten in Einklang bin weiß ich, das ich auf dem falschen Weg bin.

Mit meinem Glauben kam auch die Zufriedenheit zurück. Dieses in mir Ruhen, dieses innere Lächeln und der Wunsch, es meinem Gastgeber rechtzumachen.

Danke, Gott. <3

Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm.

1.Joh 4,16

Und warum erzähle ich euch das alles?

Ich weiß nicht, ob ihr das irgendwann genau so erfahren habt, oder ob ihr einen anderen Pol habt, aus dem ihr Kraft schöpfen könnt. Aber ich wünsche euch, dass ihr irgendwann die Perspektive auf euer eigenes Leben wechseln könnt, um die Dinge anders zu erfahren. Ich wünsche euch, dass ihr etwas findet, was euch Kraft gibt und Zuversicht schenkt und euch die Angst vor den Dingen nimmt, die wir nicht ändern können. Ich wünsche euch Liebe. Jede Menge Liebe. Von Herzen.

Alles hat seine Zeit

Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.
(Pred3, 2-8)

Aber erkennen wir überhaupt noch, wann die Zeit für etwas gekommen ist? Oder sind wir so sehr mit Optimieren und Weiterentwickeln beschäftigt, dass wir versuchen solche Gesetzesmäßigkeiten wie eben die Zeit zu ignorieren?

Für Trump wird es heute Zeit sich vereidigen zu lassen. Für die AfD ist es Zeit auf Wählerfang zu gehen. Für Großbritannien ist es Zeit den Brexit zu besiegeln und für uns? Für uns wird es Zeit endlich aufzuwachen. Für uns wird es Zeit, den Tellerrand zu suchen, darüber hinauszuschauen und die eigene Filterblase platzen zu lassen.

Geht da raus. Zeigt den Leuten um euch herum, dass wir füreinander da sind. Haltet dem Nächsten die Türe auf, lächelt einander an und seid dankbar für das was ihr habt.

Während die Einen ums nackte Überleben kämpfen, planen wir unseren nächsten Urlaub. Während immer mehr Menschen keine Ahnung haben, wovon sie ihr nächstes Essen bezahlen sollen, konsumieren wir, um unser „Awwww <3“ Erlebnis auf Instagram und mit der ganzen Welt zu teilen. Während wir auf Fleisch verzichten um die Tiere zu schützen, schmeißen wir sämtliches Plastik ins Meer, weil wir uns mit der in Folie verpackten, dafür aber veganen Schokolade, für die anstrengende Woche belohnen müssen?

Jetzt ist die Zeit um all die gut gemeinten Dinge nochmal zu überdenken und zwar bis zum Ende. Ja, Verzicht tut weh. Sehr sogar. Aber ist es nicht unser beständiger Drang etwas zu konsumieren um uns gut zu fühlen? Können wir uns gut fühlen, wenn so viele Menschen leiden? Oder anders gefragt, können wir unseren Egoismus weiter ausleben und die Dinge trotzdem ändern?

Jagen wir nicht ständig einem „Awww <3“ Gefühl nach? Ist es nicht das, was wir insgeheim immer suchen? Dieses Awww, welches uns Sicherheit vorgaukelt? Solange wir uns dieses Gefühl noch kaufen können, kann es nicht so schlimm sein? Ist das der Sinn unseres Leben? Lassen wir uns für dieses Awww von Politik und Industrie täglich an der Nase herumführen?

Der dankbare Blick eines Kindes, einer Mutter oder eines und wildfremden Menschen, dem wir einfach so, aus heiterem Himmel etwas Gutes tun, löst auch ein Awww aus. Eines, das uns viel länger glücklich macht und eines das weitergegeben wird. Denn glückliche Menschen, Menschen, die Nächstenliebe erfahren, das sind die, die keinen Hass säen.

Wir können so viele Dinge ändern. Jetzt. In dieser Minute. Die Zeit dafür ist jetzt.

 

Ein Jahr, ein Wort

Silvester ist vorbei. Viele von uns haben sich neue Ziele gesetzt, Pläne geschmiedet und sich geschworen, dass dieses Jahr irgendwie alles anders wird. Noch mehr Projekte, noch mehr Bücher, mehr Selbstoptimierung, mehr Disziplin, mehr Zeit für die Familie, Freunde, und so weiter, und so fort. Ziele die wir alle kennen, Ziele die wir vermutlich alle schon gefasst haben um sie Mitte Januar beherzt über den Haufen zu werfen.

Ich bin da keine Ausnahme und ich muss gestehen, ich liebe dieses Ziele setzen sehr. Aber warum soll ich so viel Energie in irgendwelche Pläne stecken, wenn hinterher alles anders läuft? Also habe ich mir für dieses Jahr ein Motto überlegt. Ein Motto, das mich in allen Lebensbereichen begleitet und mich bereichert. Ein Motto, das nicht nur mir Freude bereitet, sondern auch meiner Familie. Eines das meine Einstellung zum Leben verändert.

Eucharisteo fasst alles das ganz wunderbar zusammen. Viele kennen den Begriff sicherlich aus dem Gottesdient, die Eucharistiefeier. Bei den Katholiken ist dies der zweite Teil des Gottesdienst, bei den Protestanten das Abendmahl. Wir bekennen sein Opfer. Wir empfangen seine Gnade.

Ob ich mich opfern will?

Nein, so möchte ich das nicht im Raum stehen lassen. Ausschlaggebend für dieses Motto ist das Buch Tausend Geschenke von Ann Voskamp. Es geht darum, die Fülle des Lebens zu erkennen, dankbar zu sein und wirkliche Freude zu empfinden. In einem von Konsum und Medien geprägten Alltag, ist es für mich eine Herausforderung geworden die kleinen Dinge wahrzunehmen. Wenn ich samstags den Gottesdienst besuche, mit meiner Familie spazierengehe oder abends meinen Tag reflektiere, kann ich bewusst nach Momenten suchen, die mich mit Dankbarkeit erfüllen. Aber das hilft mir im Alltag nicht. Ich will mehr davon. Ich möchte mein Herz den ganzen Tag lachen hören. Ich will Freude empfinden und Ruhe ausstrahlen, wenn alles um mich herum in Stress ausartet. Ich möchte auch in den Momenten dankbar sein, die so leichthin als Katastrophe bezeichnet werden und die uns so oft den Tag verderben.

An unserer Kirchenuhr hier im Dorf, stehen statt Ziffern Buchstaben:

Zeit ist Gnade.

Ob ich nun gläubig bin oder nicht, ändert daran nichts. Wenn unsere Zeit abgelaufen ist, ist sie abgelaufen. Ob ich mich nun über den Paketboten ärgere, der mal wieder viel zu schnell mit meinem Päckchen das Weite gesucht hat, mich ärgere das es Gurken nun auch noch extra „Für Mädels“ gibt, oder die Bahn schon wieder Verspätung hat. All das kann ich nicht ändern und es ist auch sicherlich kein persönlicher Angriff gegen mich.

Wenn ich aufhöre die Dinge persönlich zu nehmen und beschließe mich auf die Sachen zu fokussieren, die es Wert sind, ist nicht nur mein Tag angenehmer, sondern auch der meiner Mitmenschen. Und je mehr ich mich ärgere, desto mehr verpasse ich von den schönen Seiten des Lebens:

Wir sind auf dieser Welt um Freude zu empfinden und um gegenseitig auf uns aufzupassen. Wir sind nicht hier um uns täglich die Köpfe einzuschlagen oder um uns gegenseitig vorzuhalten, was denn nun richtig oder falsch ist.

Wie kurz ist mein Leben! Schon fast vergangen! Lass mich jetzt in Frieden, damit ich noch ein wenig Freude habe! (Hiob10,20 HFA)

Ich möchte wieder mehr Freude an meinem Leben haben und andere damit anstecken. Ich möchte für meine Mitmenschen sorgen, das Schöne im Alltag entdecken und andere damit anstecken. Ich möchte helfen, danken und die Gnade schätzen, die wir jeden Tag empfangen: ZEIT.

Lange Rede, kurzer Sinn – es wird irgendwie himmlisch

Als ich mir im Mai des letzten Jahres meine Einweisung ins Krankenhaus abgeholt habe, stand mein Leben schon einige Monate Kopf. Meine Gesundheit ließ sich nur noch sporadisch blicken, mein Alltag bestand hauptsächlich im Überleben von Angst- und Panikattacken. Angst, vor dem Alltäglichen. Angst, vor jeder verdammten Nacht. Jeder Tag eine Qual. Kommunikation mit meinen Mitmenschen? Nein. Jeder wollte wissen, wie es mir geht, ob ich Schmerzen habe. Alles war auf meine Schmerzen fixiert, jedes Gespräch, jede Handlung. Niemand hat mir mehr einfach mal irgendwas erzählt. Irgendwas.

Und doch, alles was ich wollte waren Banalitäten. Ich wollte wissen, wer seinen Einkaufszettel verloren hat, wer ein Knöllchen kassiert hat oder ob in China ein Sack Reis umgefallen ist. Doch statt Alltagsgeschichten bekam ich nur fragende Blicke. Die Mauer um mich herum wurde immer höher, der Graben dahinter immer tiefer. Ich war allein mit dieser schwarzen Wolke, die sich aus all den Diagnosen der Ärzte gebildet hatte. Bis zu dem Tag meiner OP.

Nachdem ich meine Krankenhaustasche gepackt hatte, schnappte ich mir noch ein paar Bücher (wie sollte es auch anders sein) und meine Bibel. Meine Bibel, bei deren Anblick ich so häufig ein blödes Bauchgefühl bekam. Immer begleitet von einem schlechten Gewissen. Seit Jahren.

Als ich noch ein kleines Kind war, las mir meine Oma bei jeder sich bietenden Gelegenheit aus der Bibel vor. Sie erzählte mir vom ewigen Paradies, von Adam und Eva und vom Niedergang, der Krieg von Harmagedon. Statt gemeinsam mit meinen Freundinnen die heilige Kommunion zu empfangen, setzte ich mich mit der Drangsal auseinander und besuchte, wenn auch recht unregelmäßig, den Königreichsaal.

Willkommen bei den Zeugen Jehovas.

Ich hatte von Kindertagen an ein, nennen wir es gespaltenes Verhältnis zu Gott, der Kirche und alles was damit einhergeht. Meine Mutter Protestantin, mein Vater Zeuge Jehovas und ich irgendwo mittendrin. Abgesehen von einigen Grundregeln, haben mir meine Eltern nie Vorschriften gemacht. Ich nahm in der Schule am evangelischen Religionsunterricht teil, hörte mir in meiner Freizeit ab und an Vorträge der Zeugen Jehovas an und schielte immer heimlich zu meinen katholischen Freunden. Dort gab es klare Regeln, es wurde gebetet, in die Kirche gegangen und das alles ganz offiziell. Geburtstage wurden mit den Großeltern gefeiert und Weihnachten war das Fest schlechthin. Ich durfte zwar Geburtstag feiern (Danke Mama) und einen Weihnachtsbaum gab es auch (nochmal Danke Mama), doch das war alles irgendwie nur geduldet.

Und heute? Heute fühle ich mich häufig in meine Kindheit zurückversetzt. Wer in die Kirche geht wird belächelt, wer betet oder gar regelmäßig in der Bibel liest, wird oftmals kritisch beäugt. Und das darf einfach nicht sein.

Es darf nicht sein, dass aufgrund der sogenannten Glaubenskriege das Christentum in Mitleidenschaft gezogen wird.

Es darf nicht sein, dass ich mich als Christin für meinen Glauben rechtfertigen muss und meinem Gegenüber erklären muss, dass Gott niemals von mir verlangen würde, meinen Nächsten in die Luft zu jagen.

Es darf nicht sein, dass sämtliche Glaubensrichtungen verteufelt werden und jeder der mit Herz und Seele seinen Glauben vertritt, per se ein Terrorist ist.

 

Wer mir auf Instagram folgt, wird bemerkt haben, dass es dort von mir sehr regelmäßig Fotos von meiner morgendlichen Bibellesestunde gibt. Und genau das, wird es hier von nun an auch geben. Ich werde euch, die ihr Lust habt, mitnehmen auf meine Reise durch die Bibel, mich gemeinsam mit euch auf Spurensuche begeben und vermutlich auch gemeinsam hadern. Denn nicht immer passen der eigene und der „himmlische“ Wunsch kompromisslos zusammen und nicht immer ist der Glaube so fest in mir verankert, dass ich blind vertraue. Doch daran kann man arbeiten.

Wer sich so überhaupt nicht für das Christentum interessiert, der mag hier also von nun an falsch sein. Ich möchte niemanden bekehren und ich werde mich auch nicht – in welche Richtung auch immer – bekehren lassen. Doch ich heiße jeden herzlich willkommen. Ich gebe euch gerne einen Einblick und zeige euch, dass das Christentum völlig ungefährlich ist.

Obwohl ich mit meinem Glauben jahrelang gehadert habe, ich so oft gezweifelt habe, hat Gott mich nie im Stich gelassen. Ein großer Teil meiner Familie hat mich nach meiner Taufe im Alter von 14 Jahren gemieden und mir diesen Schritt wohl nie verziehen. Aber ich habe im letzten Jahr den Weg zurückgefunden, unterwegs meinen inneren Frieden und meinen Optimismus wieder eingesammelt und auch mein Humor hat sich wieder bei mir eingenistet. Und dafür bin ich unendlich dankbar.

Do not waste time bothering whether you „love“ your neighbor; act as if you did. As soon as we do this we find one of the great secrets. When you are behaving as if you loved someone, you will presently come to love him.

        C.S. Lewis, Mere Christianity

 

 

 

Gedankenlawine am Sonntag

Kabul, November 1980. Ein 11jähriger Junge ist auf dem Weg zum Marktplatz. In den Händen trägt er eine Box, gefüllt mit Zigaretten, die er auf dem Markt verkaufen muss um zu überleben. Kurz darauf hält vor ihm ein Transporter. Ein russischer Soldat steigt aus und reißt dem Jungen die Zigaretten aus der Hand. Der Junge bittet und bettelt, in der Hoffnung noch eine Handvoll Zigaretten retten zu können. Sein Überleben zu retten. Doch statt der Zigaretten bekommt der Junge das Gewehr an den Kopf gehalten und ohne mit der Wimper zu zucken, drückt der Soldat ab. Einfach so. Für ein paar Zigaretten.

Ist ein anderes Leben nichts mehr wert, wenn es um die eigenen Bedürfnisse geht?

September 2015. Ein dreijähriger Junge am türkischen Strand. Tot. Dem Krieg wollte er entkommen. An dieses Schicksal erinnern wir uns vermutlich alle.

Als ich gestern im Gottesdienst saß und unser Pfarrer die Predigt mit diesen beiden Geschichten einleitete, stockte uns allen der Atem. Die Traurigkeit, die Hilflosigkeit, diese Ohnmacht der Angst war sofort zu spüren und sie lässt mich wieder nicht zur Ruhe kommen.

Jeden Tag erreichen uns neue Schreckensmeldungen. Der Aufschrei ist mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Die Welle der Anteilnahme flaut aber meist schnell wieder ab. Man kann sich den Schicksalen fremder Menschen schließlich nicht den ganzen Tag widmen, oder?

Da macht sich eine Traurigkeit in einem breit, die kaum noch auszuhalten ist. Man überlegt sich Aktionen, ruft zu mehr Engagement auf, kommentiert irgendwelche Beiträge im Netz, verbreitet, was einen wütend macht und doch so offensichtlich nicht in Ordnung ist. Sei es der Artikel, der von dem Überfall auf die Nachbarn von xy berichtet, oder der, in der die Arbeit einer Frau nicht angemessen gewürdigt wird oder sonst eine Ungerechtigkeit.

Den ganzen Tag, die ganze Woche, Monat für Monat teilen wir Schreckensnachrichten und geben den Negativmeldungen so viel Raum. Raum, der ihnen nur bedingt zusteht. Den ändern tun wir so nichts.

Über Menschen zu schimpfen, die offensichtlich alles verkehrt machen, hilft uns nicht und den toten Jungen nicht. Gibt den Flüchtlingen keine neue Heimat und macht den Obdachlosen auf der Friedhofsbank nicht satt.

Wir verurteilen, in dem wir Alles und Jeden über einen Kamm scheren. Wir sind so hilflos, das wir keine Kraft mehr haben, alles mit der nötigen Distanz zu betrachten. Es tut weh, es treibt uns die Tränen in die Augen und schnürt uns die Luft ab.

Aber müssen wir die Dinge einfach so hinnehmen? Können wir das Elend nicht bekämpfen, ohne so genau hinzusehen?

Nein, natürlich habe ich keine Lösung. Aber ich habe ein Verständnisproblem.

Seit Jahrzehnten beschäftigen sich Forscher, Ärzte, Mediziner mit Krebs. Es wird geforscht, Geld gesammelt, Stiftungen gegründet. Fremde Menschen erkranken, Bekannte erkranken, wir erkranken. Wir lesen Bücher, Zeitungsartikel, stellen unsere Ernährung um. Wir rennen zum Arzt, lassen keine Vorsorgeuntersuchung aus, werden eventuell panisch, wenn unser Körper nicht funktioniert wie er soll.

Wir beschäftigen uns hinreichend mit Dingen, die uns selber betreffen. Dinge, die uns bedrohen. Ob unsere Gesundheit, unsere Sicherheit, unser Wohlbefinden. Doch wenn es uns nicht direkt betrifft, urteilen wir häufig vorschnell. Ohne das nötige Grundwissen, ohne uns vorher eingehend mit der Materie zu beschäftigen. Wir holen die Keule raus. Da wird ganz offensichtlich jemandem Unrecht getan? An den Pranger stellen und drauf. Was auch sonst.

Aber ist das nicht genau das, was überall dort geschieht, wo die Kriege toben? Wo sich Menschen gegenseitig umbringen? Wobei man gar nicht so drastisch werden muss.

Du stehst im Supermarkt an der Kasse, hast einen anstrengenden Tag hinter dir und dann kommt da eine Oma, die sich einfach vordrängelt. Das erste was dir vermutlich in den Kopf schießt: „Oarrr, die hat doch den ganzen Tag Zeit. Kann die sich nicht hinten anstellen. ICH hab es eilig. MEINE Kinder, MEIN Mann, MEIN Hamster wartet. ICH hatte einen anstrengenden Tag.“

Fragt sich irgendjemand mal, wie es der älteren Frau geht, die sich da eventuell auch ganz ausversehen vorgedrängelt hat? Fragt sich überhaupt noch jemand, wie es dem anderen geht? Ist überhaupt noch jemand gewillt, mal zurückzustecken, damit es einem Fremden besser geht?

Nein, die meisten von uns sind es nicht. Wir jammern ständig herum, nichts kann man uns recht machen und es sind eh immer die anderen die Schuldigen.

 

Ich kann den Menschen erst dann erklären was Unrecht ist, wenn ich mit mit ihnen und ihren Nöten/Ängsten und Sorgen beschäftigt habe. Ich kann aber nicht nur erklären, schlau daherreden und den Finger heben. Ich muss es vorleben. Ich muss nach links und rechts schauen. Ich muss geduldiger werden, wenn ich es eilig habe. Die alte Dame kann nichts dafür, wenn ich in Zeitnot bin, und ich werde ihr verhalten nicht ändern, indem ich sie verbal angreife. Ich kann nur mich ändern. Für alle anderen kann ich nur beten und mit gutem Beispiel vorangehen. Ich kann aufklären, aber nicht mit der Keule. Ich kann helfen, aber nicht, indem ich die Bösen an den Pranger stelle.

Wir müssen wieder anfangen uns mit unseren Mitmenschen auseinanderzusetzen. Wenn wir das Böse, das Elend, die Not wirklich beenden wollen, dann machen wir es wie die Mediziner. Beschäftigen wir uns mit dem, was uns bedroht. Untersuchen wir, was uns da so schwer im Magen liegt und lernen wir das zu verstehen, was uns so fremd erscheint.

Denn wenn wir weiterhin so miteinander umgehen, wie wir es heute tun, werden die oben erwähnten Schreckensmeldungen nicht wieder weniger. Sie werden trauriger Alltag – bleiben.

 

 

Für mehr Gelassenheit

Überlaß es der Zeit

Erscheint dir etwas unerhört,
Bist du tiefsten Herzens empört,
Bäume nicht auf, versuchs nicht mit Streit,
Berühr es nicht, überlaß es der Zeit.
Am ersten Tage wirst du feige dich schelten,
Am zweiten läßt du dein Schweigen schon gelten,
Am dritten hast du’s überwunden;
Alles ist wichtig nur auf Stunden,
Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Friedensstifter.

(Theodor Fontane)